Plattform der Österreichischen Zahnärzte

Warum bekommen wir überhaupt noch Weisheitszähne?

Einst wuchsen die zusätzlichen Backenzähne im fortgeschrittenen Alter. Heute haben sie keine Funktion mehr – auch, weil wir anders essen.

Mit dem Alter kommt die Weisheit, heißt es. Das mag strittig sein, aber zumindest die Weisheitszähne wachsen. Und ihre Bezeichnung dürfte daher rühren, dass der Mensch früher in seiner Entwicklung mit 20 Jahren schon als alt gegolten hat. „Weisheitszähne sind Backenzähne. Sie brechen ab dem 17. bis circa zum 30. Lebensjahr durch“, sagt Reinhard Gruber, Professor für Orale Biologie an der Med-Uni Wien.

 

Einst hatten die zusätzlichen Zähne auch noch genug Platz. „Früher war der Kieferknochen größer“, erklärt Gruber, der in seiner wissenschaftlichen Arbeit auf Knochen im Mund spezialisiert ist. Die Probleme kamen, als sich die Nahrung veränderte: Fällt die Belastung weg, fehlt dem Knochen die wichtige biomechanische Stimulation. Ein Hamburger strenge beim Kauen überhaupt kaum mehr an, so Gruber. Als Folge wurde der Kieferknochen über die Jahrhunderte kleiner, die Zähne blieben aber gleich groß. Und so wurde es langsam eng für die Weisheitszähne. Sie wurden zum evolutionsgeschichtlichen Relikt.

Auch Neuner oder Zehner

Heute bekommen weltweit rund vier Fünftel der Bevölkerung zumindest einen Weisheitszahn – in Afrika etwas seltener, in Asien oder im Mittleren Osten etwas öfter. Wer nur einen oder zwei Weisheitszähne bekommt, dem wachsen sie eher aus dem Oberkiefer. Frauen bekommen öfter keine Weisheitszähne als Männer. Manche Menschen bekommen aber wiederum neben dem sogenannten Achter auch noch Neuner und Zehner, also noch mehr zusätzliche Backenzähne.

Manche Weisheitszähne bleiben völlig vom Knochen umgeben. Andere wachsen gekippt, also schief und brechen nur ein Stück weit durch: Die Kronen schauen teilweise heraus, das Gewebe bildet eine Tasche, in der sich Speisereste verfangen können. Dann zieht sie der Zahnarzt meist. Probleme müssen aber nicht programmiert sein: Mitunter haben Weisheitszähne genug Platz und wachsen ganz gerade. Allerdings: „Jeder Zahn braucht einen Gegenzahn in der für den Biss richtigen Position, sonst wächst er immer weiter“, erklärt Gruber, dem selbst drei Weisheitszähne entfernt wurden.

In der Forschung interessieren ihn u. a. Mechanismen, wie der Knochen im Mund heilt. „Die heutige Zahnmedizin besteht nicht nur aus Zähnen. Vielfach kommen Implantate zum Einsatz, die in den Knochen einheilen müssen“, erläutert der Lebensmittel- und Biotechnologe, der sich nach dem Studium an der Zahnklinik spezialisiert hat. An Ratten untersuchte er mit seinem Team etwa die Auswirkungen von Diabetes auf die Implantateinheilung. Das soll Rückschlüsse auf den Menschen erlauben. Die jüngste für ihn überraschendste Erkenntnis? Dass Therapien zum Knochenaufbau, die bei gesunden Ratten gut funktionieren, bei Tieren mit Diabetes versagen. Manchmal sei es eben auch wichtig zu wissen, welcher Weg der falsche sei, sagt Gruber.

Mit Anthropologen kooperieren

Mit einer neuen Methode, der sogenannten Geometrics Morphometrics verknüpfen die Forscher Daten über den menschlichen Körper, etwa aus CT-Bildern, neu. Auch wie das Wachstum von Kieferknochen- und die Zahnentwicklung zusammenhängen, ließe sich so analysieren, sagt er. Dazu müssten Zahnmediziner und Oralbiologen auch mit Anthropologen zusammenarbeiten.

http://diepresse.com/


Zurück zur News-Übersicht